Dilara Bolotov | Zirkuskind, Künstlerin
Dilara Bolotov | Zirkuskind, Künstlerin
Dilara Bolotov | Zirkuskind, Künstlerin

Kinderzirkus, Schule und Manege im Kulturzentrum Buratino

Ich heiße Dilara Bolotov und bin 2018 geboren. Ich bin die zweitjüngste in unserer Zirkusfamilie – und trotzdem weiß ich schon genau, wie die Manege funktioniert. Bei uns im Zirkus sagt man: „Man wächst hinein.“ Das stimmt.

Aber ich sage: „Ich bin nicht nur dabei – ich bin die Chefin.“

Meine Vielseitigkeit
Wenn ich in der Manege stehe, dann ist das wie eine große Bühne für alles, was ich kann und was mir Freude macht. Manchmal bin ich am Boden und zeige Kinder-Parterre-Übungen, die so wirken, als würde mein Körper Geschichten erzählen. Ein anderes Mal hänge ich hoch oben im Ring oder an den Tüchern – dort fühle ich mich frei, fast wie fliegen.

Mit meinen Hula-Hoop-Reifen kann ich ganze Wirbel entstehen lassen, die sich um mich drehen wie kleine Planeten. Auf dem Seil zu laufen ist aufregend, weil ich da ganz viel Konzentration brauche – und gleichzeitig das Gefühl habe, dass mir das Publikum jeden Schritt abnimmt. Und wenn Musik erklingt, tanze und singe ich, so wie es gerade passt. Manche sagen, ich sei schon jetzt ein richtiges „Multitalent“. Ich sage einfach: Ich mag es, alles auszuprobieren.

Natürlich gehört zu mir auch mein Pony. Es ist nicht nur ein Tier, es ist mein Freund. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann spürt man sofort, dass wir ein Team sind.

Zirkuskind sein heißt: Ich bekomme eine Gage

Viele Kinder bekommen Taschengeld. Ich bekomme eine Gage. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber es zeigt, wie ernst mich unsere Familie nimmt. Ich bin ein Teil der Show, also werde ich auch wie eine Künstlerin behandelt. Das macht mich stolz.

Für mich ist der Zirkus nicht nur ein Spielplatz, sondern auch mein Zuhause. Ich lerne früh, dass Auftritte Verantwortung bedeuten: rechtzeitig fertig sein, konzentriert auftreten, mit den anderen zusammenarbeiten. Wenn ich dann auf der Bühne stehe und Applaus bekomme, ist das der schönste Lohn.

Schule auf Tournee – Lernen mit iSurf und DigLu

Manche Leute fragen: „Wie machst du das eigentlich mit der Schule?“ Die Antwort ist: ganz normal – nur ein bisschen anders. In Deutschland gibt es die Schulen für Kinder beruflich Reisender, und für uns bedeutet das: Wir lernen digital mit iSurf und DigLu.

DigLu ist ein Lernsystem, das speziell dafür entwickelt wurde, dass Kinder wie ich nicht den Anschluss verlieren, auch wenn wir unterwegs sind. Egal, ob wir gerade in Hessen, Bayern oder Niedersachsen gastieren – mein Unterricht reist immer mit. Meine Lehrerinnen und Lehrer sind online für mich da, und ich kann Aufgaben bearbeiten, Fragen stellen und sogar an Videokonferenzen teilnehmen.

Das ist nicht nur praktisch, sondern auch ein Zeichen: Unsere Gesellschaft versteht, dass Kinder im Zirkus genauso eine gute Bildung brauchen wie alle anderen. Mit DigLu funktioniert das – modern, flexibel und fair.

Sensibilisierung für Schulen

Ich glaube, dass gerade dieser Teil meiner Vita wichtig für alle Schulen und Pädagog:innen ist, die mit uns zusammenarbeiten. Wer sieht, wie ich lerne, versteht auch, wie sehr Zirkus und Schule miteinander verbunden sein können.

Wenn wir als Zirkus in eine Schule kommen, dann bringen wir nicht nur Kunststücke, Kostüme und Manege mit. Wir bringen auch ein Stück echtes Leben mit – nämlich die Erfahrung, dass Lernen überall möglich ist, wenn man die richtigen Werkzeuge hat. DigLu ist so ein Werkzeug.

Manchmal höre ich, dass Menschen Zirkus noch mit alten Bildern verbinden: Kinder, die keine Schule besuchen, die nur auftreten und reisen. Aber meine Geschichte zeigt das Gegenteil: Ich bekomme Unterricht, ich wachse mit digitalen Medien auf, und ich bin ein ganz normales Schulkind – nur eben mit besonderen Talenten in der Manege.

Gerade deshalb ist es so spannend, wenn wir mit Schulen zusammenarbeiten. Dann treffen Kinder wie ich auf Kinder aus „normalen“ Klassen. Wir lernen voneinander: Die anderen sehen, dass Zirkus auch Disziplin, Mut und Wissen bedeutet. Und ich erlebe, wie toll es ist, mit ganz vielen Gleichaltrigen neue Dinge auszuprobieren.

Das Besondere am Kulturzentrum Buratino

Das Kulturzentrum Buratino schafft eine Brücke. Hier können Kinder und Jugendliche spüren, dass Zirkus mehr ist als eine Show. Es ist ein Lernraum, ein Trainingsplatz, ein Ort für Begegnung.

Für mich bedeutet das: Ich darf meine Vielseitigkeit zeigen und gleichzeitig spüren, wie wichtig es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wenn wir in Schulen auftreten oder Workshops geben, dann sehen die Kinder: Wir sind gar nicht so verschieden. Wir alle wollen etwas schaffen, zusammenhalten und Freude teilen.

Die Familie Bolotov führt den Zirkus seit Generationen, und ich bin die nächste. Für Schulen und Pädagog:innen ist das eine große Chance. Denn wenn wir zusammenarbeiten, dann entsteht nicht nur ein Projekt für ein paar Tage, sondern ein Erlebnis, das Kindern lange in Erinnerung bleibt.

Aus der Sicht eines Kindes

Ich erzähle das hier aus meiner Sicht, weil es wichtig ist, dass man Kinderstimmen hört. Erwachsene sprechen oft über uns – aber ich möchte, dass man versteht, wie es sich anfühlt, in meiner Position zu sein. Ich bin Zirkuskind, Schülerin, Künstlerin und Kind wie jedes andere auch.

Wenn ich an die Zukunft denke, sehe ich viele Möglichkeiten. Vielleicht bleibe ich im Zirkus, vielleicht entdecke ich noch etwas ganz anderes. Aber sicher ist: Ich nehme alles mit, was ich hier lerne – den Mut, vor vielen Menschen aufzutreten, die Disziplin, immer wieder zu trainieren, und die Freude daran, Neues zu entdecken.

Und wenn ich heute sage: „Ich bin die Chefin“, dann meine ich das nicht nur im Spaß. Ich meine es als Versprechen: dass ich meinen Weg gehe, mit Selbstvertrauen, mit Ideen und mit der Unterstützung meiner Familie.