Zirkus – das ist kein Beruf, das ist ein Leben.

Ich bin Sonja, geboren 1967 in eine der ältesten Zirkusfamilien Europas – und heute Seniorchefin des Kulturzentrums Buratino. In mir fließen die Traditionen zweier großer Linien: Auf der Seite meiner Mutter stehen die weltbekannten Namen Probst und Althoff, auf der Seite meines Vaters die Puppen- und Theaterdynastie Sperlich. Seit acht Generationen wird in meiner Familie gespielt, erzählt, gezeigt, gestaunt – und ich durfte dieses Erbe von klein auf miterleben.

Mit eineinhalb Jahren stand ich zum ersten Mal im Kinderprogramm, mit sechs Jahren wurde ich in Aurich eingeschult – die einzige Schule, die ich länger als drei Jahre besuchte. Danach war das Klassenzimmer überall dort, wo unser Zirkus gastierte: mal in Bayern in einer Dorfschule mit zwei Räumen, mal auf Spiekeroog in einer jahrgangsübergreifenden Klasse von der ersten bis zur achten Stufe. Oft hieß es am ersten Tag: sich selbst anmelden, erzählen, dass man vom Zirkus kommt, und dann ein paar Tage mitlernen. Am Ende gab es einen Stempel ins Schultagebuch – und die Erinnerung an neugierige Blicke, unzählige Fragen und an Lehrer, die manchmal keine Zeit hatten, manchmal aber mit viel Geduld sogar das Bruchrechnen erklärten.

Mein Alltag war eine Mischung aus Spiel, Lernen und Arbeit: Gemeinsam mit meiner Cousine legte ich die schweren Eisenanker aus, wir trugen Stangen für das Zeltrund, wir fuhren mit dem Trecker durch die Orte und holten Wasser und Strom von den Nachbarn. Überall winkten die Menschen, und wenn wir den Platz erreichten, warteten oft schon die ersten Kinder aus dem Dorf auf uns.

Diese Kindheit hat mich geprägt: das ständige Ankommen, das Weiterziehen, die Begegnungen mit Menschen, die Freude am Teilen und am Miteinander. 1994 lernte ich Alexander kennen, wir heirateten ein Jahr später in meiner Heimatstadt Aurich. Gemeinsam entwickelten wir eine Vision: Zirkus nicht nur als Unterhaltung, sondern als pädagogisches Erlebnis, als Ort der Begegnung und der Freude.